„Eine der größten Erfolgsstorys des Düsseldorfer Sports“

Analyse: Wie der DHC Deutscher Hockeymeister wurde

von Jan Wochner

Ob das Clubhaus in normalen Zeiten wohl noch stehen würde? Die Hockeydamen des Düsseldorfer HC sind am Wochenende zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Deutscher Feldhockey-Meister geworden. Eine rauschende Feier auf der Anlage am Seestern gab es pandemiebedingt nicht. Die Erfolgsgeschichte des Vereins ist aber eine besondere.

Es war nicht weniger als ein Drama. Und auf dem Höhepunkt war den Beteiligten jede Gefühlsregung offen ins Gesicht geschrieben. Beim Penaltyschießen im Finale um die Deutsche Meisterschaft lagen die Nerven sprichwörtlich blank.

Bei DHC-Angreiferin Sara Strauß beispielsweise. Nach ihrem Fehlschuss standen ihr fast die Tränen in den Augen, obwohl ihre Mannschaft noch einen Treffer vorne lag. DHC-Trainer Nico Sussenburger blickte ungläubig ins Leere, nachdem Luisa Steindor vom Siebenmeterpunkt gescheitert war. Bei einem Treffer wäre der Titelgewinn vorzeitig perfekt gewesen.

Kapitänin Selin Oruz macht Triumph perfekt

Erfolgstrainer Nico Sussenburger (Foto: K. Beele)

Was, wenn wir das noch verlieren, stand quer auf Sussenburgers runzliger Stirn. „In dem Moment fliegen dir so viele Gedanken durch den Kopf. Nach fast zwei Jahren Saison hängt der gesamte Ausgang plötzlich an Details“, erklärte der DHC-Trainer später. Wenige Minuten später verschmolzen alle Oberkasseler Spielerinnen zu einem Jubelknäuel. Kapitänin und Nationalspielerin Selin Oruz hatte den entscheidenden Penalty verwandelt. Der DHC war erstmals Deutscher Feldmeister.

Vor neun Jahren war an so einen Erfolg nicht im Traum zu denken. Nico Sussenburger hatte damals die DHC-Damen als Zweitligist übernommen. Vor Meisterschaftsspielen musste er schauen, dass er genug Feldspielerinnen zusammen bekommt, auf der Bank blieb meist der eine oder andere Platz unbesetzt. Gerade einmal 13 Feldspielerinnen zählten 2012 zum Kader des Vereins vom Seestern. 

DHC setzt auf Talente statt auf „fertige“ Spielerinnen

Einen Co-Trainer gab es nicht. Auch keinen Athletik-Coach oder Physiotherapeuten. Die Anlage, so wie es sie heute gibt, war noch nicht fertig gestellt. Aus dem heutigen Kader spielte nur Torhüterin Nathalie Kubalski schon mit. Sie war gerade zum DHC gewechselt. Dass sie neun Jahre später Nationalkeeperin und MVP (wertvollste Spielerin) des Finalturniers sein würde, war damals unvorstellbar.

„Wir haben uns damals auf den Weg gemacht“, sagt Nico Sussenburger heute. Einen Weg, den der Verein konsequent beschritt. Und auf dem er bis heute geblieben ist. Sussenburger warb konsequent um junge Talente aus der Region. Er coachte auch die Jugend. Der DHC verzichtete ganz bewusst darauf, erfahrene Damenspielerinnen zu locken. Stattdessen bildete der Verein seine Spielerinnen von morgen selbst aus.

Zahlreiche Unterstützter im Hintergrund

MVP Nathalie Kubalski (Foto: Dirk Markgraf)

In der Jugend konzentrierte sich viel auf den stärksten Jahrgang, zu dem die heutige Nationalspielerin Elli Gräve und die Olympia-Bronzenmedaillengewinnerin von Rio, Lisa-Marie-Schütze, zählten. Dazu wechselten Selin Oruz oder Annika Sprink in die DHC-Jugend und starteten von hier aus ihre Karriere bis in den Damenbereich der Bundesliga-Mannschaft. 

Schnell stieg der DHC mit diesen Verstärkungen auf. DHC-Präsident Klaus Grossmann sicherte seine volle Unterstützung zu. Die Teammanagerin Brigitta Soubusta-Hoppe, später Niels Maisch unterstützten Sussenburger tatkräftig bei allen weiteren Aufgaben. Auch Teamarzt Dr. Torsten Kleefeld war ein verlässlicher Unterstützer der Mannschaft. In Bernd Gossens hatte das Damenhockey im DHC einen stets loyalen und begeisternden Gönner im Rücken. 

Stadt, D.LIVE und Sportstadt stärken DHC den Rücken

Nach und nach professionalisierten sich die Strukturen. Immer häufiger wechselten talentierte, junge Spielerinnen zum DHC, durchliefen ihre letzten Jugendjahre im Nachwuchs des Oberkasseler Vereins und sammelten früh Erfahrungen auf dem Feld für die Damenmannschaft. „Ein Konzept, das wir bis heute so fahren“, sagt Sussenburger.

Von Seiten der Stadt Düsseldorf gab es viel Unterstützung auf diesem Weg, sowohl im Rathaus als auch von Seiten von D.LIVE und der Sportstadt Düsseldorf. Für die nötige Infrastruktur sorgte der umfangreiche Ausbau der Clubanlage, auf der heute zwei Feldplätze und eine Hockeyhalle zu finden sind. Dazu unterstützte die Stadt das Damenhockey budgetär und durch Individualförderung einzelner Spielerinnen mit Aussicht auf internationale Karrieren. „Wir sind das beste Beispiel, wie sich die Bemühungen der Sportstadt auszahlen können“, macht der Trainer deutlich.

DHC startet Erfolgsstory mit nationalem Meister-Titel in der Halle

„Ohne diese Individualförderungen würden einige Spielerinnen beispielsweise längst im Ausland oder bei den großen, etablierten Clubs in Deutschland unter Vertrag sein“, erklärt Sussenburger. So aber blieb der Kern der Mannschaft beisammen und entwickelte sich nach und nach zu einem Titelanwärter.

Beim ersten Ausflug zu einem Final4-Turnier auf dem Feld verlor der DHC im Halbfinale gegen den damaligen Branchenprimus UHC Hamburg noch sang- und klanglos. Doch mit zunehmender Erfahrung kam der Verein dem ganz großen Wurf immer näher. Zuerst klappte es in der Hallensaison mit zwei Titelgewinnen bei der DM, es folgten dazu zwei Siege im Europapokal in der Halle. Beim letzten Finale auf dem Feld, pandemiebedingt ist das schon zwei Jahre her, unterlag der DHC dramatisch dem Club an der Alster aus Hamburg im Penaltyschießen.

Gräve, Kubalski und Oruz sind im TEAM 2021 Düsseldorf

Anders als vor neun Jahren verfügt Sussenburger mittlerweile über eine in Teilen sogar sehr prominent besetzte Mannschaft. Die Talente der Marke „Self-Made“ sind längst Nationalspielerinnen und etablierte Kräfte in der Liga. Wie Kapitänin Selin Oruz, Bronze-Gewinnerin in Rio und Mitglied im städtischen Olympia-Förderteam TEAM 2021 Düsseldorf. Genauso wie Torhüterin Nathalie Kubalski und Torjägerin Elli Gräve. 

In Lisa Nolte und Alisa Vivot hat der DHC zwei weitere A-Kader-Spielerinnen an Bord. Die Breite an Talenten ist so groß, dass weitere folgen dürften. Für den entscheidenden Kick bei der Weiterentwicklung sorgte auch, dass Sussenburger Unterstützung an der Seitenlinie bekam. In Ralf Jaros kümmert sich ein anerkannter Fachmann um das Athletiktraining.

Trainer Mark Spieker gibt dem Team den entscheidenden Kick

Mark Spieker (Foto: DHC)

Die klassische Trainerarbeit auf und abseits des Platzes teilt sich Sussenburger seit drei Jahren mit Mark Spieker. „Er ist einer der besten Ausbilder in Deutschland“, meint Sussenburger über sein Pendant. „Sein Input war ausschlaggebend dafür, dass wir den Titel gewinnen konnten.“ 

Wie Spieker die Arbeit beeinflusst, kann Sussenburger ganz genau erklären. So kümmert sich der 47-Jährige beispielsweise um die Dienstags-Einheiten. „Um 10 Uhr in der Früh kriege ich für das Training am Abend PDF-Dokumente von Mark geschickt. Darin ist jede Übung haarklein beschrieben. Ich könnte aus diesen Dokumenten ein eigenes Hockey-Lehrbuch erstellen“, sagt Sussenburger und klingt tief beeindruckt. 

DHC-Führungsspielerin Selin Oruz bestätigt, dass beide Trainer sich perfekt ergänzen und gemeinsam eine starke Einheit bilden: „In meinen Augen sind die beiden als Duo eine der besten Trainerkombis im deutschen Hockey”, sagt die Nationalspielerin. 

Bei der Kadertiefe ist der DHC noch nicht Spitze

Nur so sind die starken Auftritte der DHC-Damen wie am Wochenende in Mannheim realisierbar. Anders als beispielsweise Finalgegner Mannheim kommt das Team von Sussenburger und Spieker dabei ganz ohne Spielerinnen-Importe aus In- und Ausland aus. Beim MHC liefen allein drei argentinische Nationalspielerinnen auf. In der Breite verfügen die Mannheimerinnen immer noch über eine andere Qualität als der DHC. Auch weil der Etat vermutlich mehr als doppelt so hoch ist wie der des DHC.

Bei den Düsseldorferinnen mussten so zum Beispiel Selin Oruz, Annika Sprink und Pia Lhotak in der Defensive durchspielen. Sowohl am Samstag im Halbfinale als auch im Sonntag im Finale. Halbfinalgegner Hamburg brachte eine deutsche Nationalspielerin von der Bank. Die Kadertiefe ist bei den anderen deutschen Topteams qualitativ auf einem anderen, auf einem höheren Level.

„Wir dürfen uns nicht zurücklehnen…“

„Es musste alles passen und hat alles gepasst, um diesen Titel zu realisieren“, sagt Sussenburger und schiebt eine Forderung gleich hinterher. „Für die Zukunft müssen wir uns breiter aufstellen.“ Denn so schön der erste Titelgewinn auf dem Feld jetzt auch daherkommt, so rührend die Geschichte des Konzepts mit jungen, talentierten Spielerinnen auch ist, der DHC steht jetzt an einer Weggabelung, ist sich Sussenburger sicher.

„Wir dürfen uns jetzt nicht zurücklehnen, sondern müssen noch etwas drauflegen, wenn wir diesen Erfolg wiederholen wollen“, sagt er. Im Blick dürfte der Trainer den Etat für seine Mannschaft haben. Gerne würde er den vielen Talenten im Team auch einmal eine erfahrene Kraft zur Seite stellen. Denn die Aussichten sind verlockend. 

Kommendes Jahr spielt der DHC international

Burkhard Hintzsche (Foto: Stadt Düsseldorf)

Fast alle Spielerinnen im Kader haben ihr bestes Hockeyalter noch vor sich. Die Konkurrenten in der Liga beneiden den DHC um dessen Talente im Team. Kommendes Jahr wird der Verein dazu in der Euro Hockey League mit den besten europäischen Mannschaften um die kontinentale Krone kämpfen. „Das wird eine extrem geile Veranstaltung“, ist sich Sussenburger jetzt schon sicher.

Auf Seiten der Stadt lässt sich in diesen Tagen übrigens auch die Gefühlslage im Gesicht ablesen. So wie bei den DHC-Spielerinnen, während des Penaltyschießens im Endspiel. „Das ist vielleicht eine der größten Erfolgsstorys in der Düsseldorfer Sportgeschichte“, sagt Stadtdirektor Burkhard Hintzsche beispielsweise mit einem breiten Grinsen. „Beim DHC hat es sich wirklich gelohnt, in die Infrastruktur und die Leistungssportförderung zu investieren.“ 

Und für weitere Kapitel dieser Erfolgsstory ist noch jede Menge Platz in den Geschichtsbüchern…

Die Finalhighlights im Video

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