„Es fühlt sich besonders gut an“

Timo Boll über „Triple“, Team und Tokio

Foto: Kenny Beele

von Tobias Kemberg

Zwei Jahre blieben der Tischtennis-Superstar und seine Borussia ohne Titel. Nun hat der Rekordmeister das vierte „Triple“ der Vereinsgeschichte perfekt gemacht. Im Interview spricht der 40-Jährige über die Saison, Zugang Dang Qiu, das Wahrnehmen von Erfolgen im Vergleich zu früher und den Stand der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele.

Herr Boll, zunächst einmal Glückwunsch zum „Triple“ mit der Borussia. Wurde angesichts der anstehenden Europameisterschaft sowie den Olympischen Spielen überhaupt ausgelassen gefeiert?

Timo Boll: Es war sehr gediegen. Ich habe am Sonntag um 22 Uhr im Bett gelegen. Man hat halt die Europameisterschaft sowie die Spiele in Tokio im Hinterkopf. Wenn du etwas erreichen willst, dann musst du diszipliniert sein. Deswegen war es eher eine ruhigere Feier – trotz des großen Erfolgs.

Wie viel Energie hat diese aufgrund der ungewöhnlichen Rahmenbedingungen besondere Saison gekostet und wie ordnen Sie sie ein?

Boll: Aus rein sportlicher Sicht ist die Saison natürlich der Wahnsinn gewesen. Uns war bewusst, wie schwierig es sein wird, noch einmal solche großen Erfolge zu feiern. Die anderen Mannschaften sind einfach stark geworden und ich bin mittlerweile auch in einem Stadium, in dem ich nicht immer für zwei Punkte garantieren kann. Über die Saison gesehen haben wir durch die Bank alle gut gespielt. Auch deswegen fühlt es sich besonders gut an, jeder hat etwas beigetragen. Auf der anderen Seite wird man sich auf lange Sicht eher an die leeren Ränge und die ständige Unsicherheit erinnern.

Anton Källbergs Bilanz in dieser Saison war phänomenal. Er war Matchwinner in der Champions League und im TTBL-Finale, hat oft zwei Punkte für das Team geholt. Die kamen sonst meistens von Ihnen. Hat sich Ihre Rolle im Team deshalb verändert?

„Der Titel in der Champions League
war ein Stück weit emotionaler
als der Gewinn der Bundesliga.“

Boll: Keine Sorge, ich sehe das nicht als Majestätsbeleidigung (lacht). Wenn ich die Mannschaft für das Finale gegen Saarbrücken aufgestellt hätte, dann hätte ich es genauso gemacht. Ich war am Sonntag ein bisschen fest im Rücken. Und wenn ich nicht bei 100 Prozent bin, dann ist Anton derzeit einfach der stärkere Spieler. Ich kann damit sehr gut leben, auch wenn ich weiterhin sehr hohe Ansprüche an mich habe. Wo ich letztlich spiele, ist aber nicht entscheidend. Ich möchte meine Punkte machen für die Borussia und dem Trainer immer die Möglichkeit geben, mich – wie zum Beispiel im Pokalfinale – an Position eins aufstellen zu können. Aber ich bin nicht so stolz, dass ich immer an Position eins spielen muss.

Wie hat die Mannschaft das am Sonntag beim Bundesliga-Finale wieder hinbekommen, um auf den Punkt genau voll da zu sein?

Boll: Am Sonntag in Dortmund haben wir uns schon etwas schwer getan. Da hat es anfangs gar nicht so gut ausgesehen. Nach Kristian Karlssons Niederlage zum Auftakt lag Anton gegen Patrick Franziska mit 0:1 und 5:9 zurück. Dann denkst du schon: Das geht vielleicht weg. Antons Sieg im zweiten Einzel war unglaublich wichtig, sonst gehe ich mit einem 0:2 in die Box. Gefühlt war es wieder ein sehr schweres Spiel.

Viel wurde nach zwei Jahren ohne Titel über den Antrieb und die Motivation gesprochen. Jetzt hat die Borussia alle drei möglichen Titel eingesammelt und Sie sind wieder die Gejagten. Eine Rolle, die die Mannschaft gerne annimmt, oder?

Boll: Auf jeden Fall. Wenn sich Anton so stabilisiert, Kristian mit seinem Ellbogen keine Probleme hat und ich weiterhin in der Form bleibe, dann haben wir wieder eine gute Truppe zusammen, um in Deutschland wieder das Maß der Dinge zu sein. Und dann bekommen wir mit Dang Qiu noch einen Spieler dazu, der unglaublich heiß ist und auch noch einen Sprung nach oben machen kann. In der Champions League ist die Lage sicherlich etwas anders. Orenburg hat noch einmal aufgerüstet. Wenn die mit ihrer kompletten Lineup spielen, dann sind sie schon favorisiert. Aber es ist auch nicht unmöglich Orenburg zu schlagen.

Foto: Kenny Beele

Dang Qiu wurde eben angesprochen. Was erwarten Sie von ihm im ersten Jahr bei der Borussia?

Boll: So einem jungen Spieler darfst du in seinem ersten Jahr bei der Borussia nicht zu viel Druck machen. Für so einen großen Verein zu spielen, das ist schon noch mal etwas anderes. Er ist sehr ehrgeizig, deswegen machen wir uns da keine Sorgen. Es wird sich zeigen, was er dann für eine Bilanz spielen wird. Druck braucht er bei uns nicht haben, den macht er sich bestimmt selbst schon genug.

Was war denn schwieriger zu gewinnen in dieser Saison: Die Champions League oder die Meisterschaft?

Boll: Der Titel in der Champions League war gefühlt schon der engste. Da hatten wir viele schwere Spiele, gerade gegen Jekaterinburg im Halbfinale und auch gegen Saarbrücken im Finale. Und das war sicherlich auch noch ein Stück weit emotionaler als der Gewinn der Bundesliga.

Nehmen Sie Erfolge heute eigentlich anders wahr als vor fünf, zehn oder 15 Jahren?

Boll: In Sachen Freude ist man vielleicht ein bisschen abgeklärter und in den entscheidenden Momenten ein wenig souveräner. Aber im Vorfeld machst du dir denselben Druck. Gerade ich habe mir nach diesen zwei Jahren ohne Titel innerlich viel Druck gemacht, weil ich auch häufig derjenige war, der es am Ende verbockt hatte. Klar, das nagt dann auch an mir. Wenn du jahrelang alles gewonnen und immer deine Punkte beigesteuert hast, dann aber ein paar wichtige Spiele verlierst, dann wurmt einen das als ehrgeiziger Sportler einfach. Deshalb war die Erleichterung sehr groß, als es mit dem Titel in der Champions League geklappt hat.

Die EM steht schon vor der Tür, danach stehen die Olympischen Spiele an. Wie weit sind Sie vom Leistungslevel und dem Stand der persönlichen Vorbereitung?

Boll: In den vergangenen Wochen konnte ich sehr gut trainieren, gerade auch von der Intensität her. Da war ich fast schon überrascht. Im Training habe ich mich noch stärker gefühlt als am Sonntag in meinem Einzel beim Finale. Ich brauche einfach ein paar Wettkämpfe, um das zu zeigen, was ich immer noch spielen kann. Natürlich bin ich nicht mehr so beweglich wie früher, das akzeptiere ich. Aber ich will weiterhin das Maximale aus mir herausholen. In Bezug auf Tokio bin ich auf einem guten Weg.

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