„Ich will nach ganz oben”

Boxer Timo Rost vor seinem Kampf am Samstag in Düsseldorf

Foto: Norbert Schmidt

von Bernd Schwickerath

Monatelang musste er auf die Möglichkeit warten, am Samstag nun darf der Düsseldorfer Profiboxer Timo Rost endlich wieder in seiner Heimatstadt boxen. In der Classic Remise geht es gegen den Georgier Davit Makaradze. Im Interview spricht der 29 Jahre alte Gerresheimer über den Trainerwechsel von Rüdiger May zu Walter Broll, seine großen Pläne für die Zukunft und Boxen in Corona-Zeiten.

Herr Rost, vor einigen Tagen sagten Sie vor der Sportstadt-Kamera, Sie hätten so hart trainiert wie noch nie und deswegen nun überall Muskelkater. Ist das einen Tag vor dem großen Kampf besser geworden?

Timo Rost (lacht): Naja, ich habe immer noch trainiert wie noch nie zuvor, aber es ist nicht mehr so, dass mir alles wehtut. Das wäre ja auch suboptimal. Ich fühle mich wirklich sehr, sehr gut, ich will nicht überschwänglich wirken, aber ich bin super vorbereitet. Wir werden morgen sehen, was dabei rauskommt, aber ich bin sehr davon überzeugt, dass das erfolgreich wird.

Warum haben sie die Intensität im Training so erhöht? Haben Sie das Gefühl gehabt, früher nicht alles aus sich herausgeholt zu haben und mussten deswegen einen Gang hochschalten?

Rost: Nein, das ist ja auch eine Sache der eigenen Wahrnehmung. Ich hatte auch in den letzten Jahren immer das Gefühl, alles gegeben zu haben. Aber man steuert das Training ja nicht selbst, das macht der Trainer. Und da ich meinen Trainer gewechselt habe, habe ich jetzt erst mal wahrgenommen, dass ich früher eine andere Intensität im Training hatte.

Was ist noch anders beim neuen Trainer?

Rost: Im Individualsport muss der Trainer immer darauf achten, dass der Athlet nicht ins Übertraining gerät. Der Rüdiger war, was das angeht, sehr vorsichtig. Ich würde jetzt mal behaupten, dass der Walter – auch wenn der jetzt wahrscheinlich sagen würde, dass es nicht so ist – risikofreudiger ist. Er schiebt die Grenze nach oben. Das Risiko, ins Übertraining zu kommen, ist jetzt vielleicht größer, aber umso größer ist der Erfolg, wenn man eben nichts ins Übertraining kommt.

Auch im Ring wollen Sie künftig mehr ins Risiko. Sie kehren zu Ihren Wurzeln zurück, sagen Sie. Was war der Grund dafür?

Rost: Das hat schon wieder mit dem Trainer zu tun. Rüdiger war eher so der Taktiker, in den drei Jahren lagen die Schwerpunkte immer auf der Taktik, geduldig zu sein, abzuwarten und auf Konter zu gehen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Die Philosophie des neuen Trainers ist es: Chancen kreieren und direkt umsetzen.

Gab in früheren Kämpfen Situationen, in denen Sie sich dachten: Ich würde jetzt gern nach vorne gehen, aber ich darf ja nicht?

Rost: Unzählige.

Und obwohl man Individualsportler ist und es vermeintlich besser weiß, hält man sich an die Vorgabe des Trainers?

Rost: Absolut. Das Vertrauen zum Trainer ist maßgeblich für den Erfolg. Viele Sachen, die du im Ring tust, nimmst du anders wahr als alle Menschen draußen. Der Trainer ist der einzige, der dir sagen kann, was gerade abgeht und dir die Instruktionen geben, was ich besser machen muss.

Kommen wir zum morgigen Kampf: Was können die Fans erwarten?

Rost: Ja dadurch, dass der Umschwung stattgefunden hat, wird es ein deutlich aktionsreicherer Kampf als sonst. Und wir haben auf jeden Fall einen Gegner, der stehen bleibt. Der hat einen richtigen Holzkopf, doppelt so breit wie meiner (lacht).

Die Tage war zu lesen, dass Sie es in die Weltspitze schaffen wollen. Soll der Kampf am Samstag also der Auftakt zum nächsten großen Schritt in Ihrer Karriere sein?

Rost: Absolut. Ich bin jetzt 29 geworden, im Boxen sagt man dann zwar nicht: Ok, bald ist es vorbei. Ich habe aber den eigenen Ehrgeiz, möglichst bald zu wissen, ob es noch ganz nach oben gehen kann oder nicht. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass wir uns als Team keine Fallobst-Gegner aussuchen, also Leute, bei denen wir wissen, dass es in der zweiten oder dritten Runde auf den Boden geht oder das Handtuch geworfen wird. Wir wollen Gegner, die mich sportlich weiterbringen, also boxe ich gegen Leute, die mich ans Limit bringen. Ich muss eben möglichst bald wissen, ob es für mich noch nach oben geht. Wenn es nicht für oben reichen sollte, bringt es nichts, sich unnötig den Kopf kaputtmachen zu lassen.

Was heißt denn konkret „oben“?

Rost: Ich will nach ganz oben, ich will unter die Top-15. Ich will, dass die Leute nachher sagen: Geiler Kampf. Ich will Europameister werden und um die WM boxen.

War Corona dann für Sie besonders bitter, weil sie genau in der Phase, in der Sie die Karriere noch mal richtig in Schwung bringen wollen, gestoppt wurden? Oder war das für Boxer gar nicht so schlimm, weil Sie ja ohnehin nicht jedes Wochenende aktiv sind wie andere Sportler?

Rost: Zuerst einmal will ich die Karriere nicht in Schwung bringen, die ist die ganze Zeit in Schwung. Aber klar habe ich mir zu Beginn Sorgen gemacht, weil ich ja abhängig bin von Sponsoren. Wir verkaufen den Sponsoren immer einen Jahresplan und ein Ziel für das Jahr. Das Ziel ist abhängig von der Ranglistenposition. Ich sage also im Vorfeld: Am Ende des Jahres möchte ich auf der und der Position sein. Aber wenn ich dann keine Kämpfe mache, kann ich das Ziel nicht erreichen und eventuell Sponsoren verlieren.

Hatten Sie also Angst, dass alles vorbei sein könnte?

Rost: Ich habe schnell registriert, dass ich ein richtig geiles Team habe: Das besteht aus meiner Managerin Eva Dzepina und meinen drei Jungs, langjährige Freunde, die Tag und Nacht für mich da sind. Deswegen habe ich im Juni schon in Wuppertal kämpfen können, das war der zweite Kampf in ganz Europa. Und jetzt kämpfe ich schon wieder, während andere Veranstaltungen immer noch ausfallen, weil sie am Hygienekonzept scheitern. Wir haben da einen Superdoktor im Team, den Udo Wundrum aus Gerresheim, den kenne ich schon, seitdem ich fünf bin. Also wie gesagt: Anfang der Pandemie hatte ich ein bisschen Angst, dass man das alles nicht schafft, aber jetzt bin ich sehr optimistisch.

Beim Boxen muss das Hygienekonzept ja vor allem nur für Sportler funktionieren. Es gab schon Turniere oder Trainingslager, bei denen sich Boxer infiziert haben, auch bei der Nationalmannschaft…

Rost: Ja, 16 von 18.

Wie sieht Ihre Angst davor aus für den Kampf am Samstag?

Rost: Mein Gegner ist schon eingereist und hat den Test gemacht. Also alles gut.

In Wuppertal haben Sie letztens vor 30 Zuschauern gekämpft, jetzt in Düsseldorf immerhin vor 300. Fernab vom Infektionsrisiko: Beeinflusst das den Kampf?

Rost: Ich bin immer komplett im Tunnel. Ich gucke mir das dann nach dem Kampf auf Video an und sage mir: Geile Stimmung. Währenddessen merke ich nur, dass es laut ist. Vielleicht hilft einem das in der letzten Runde oder wenn man langsam an die konditionellen Grenzen kommt und alle ausrasten. Da kann es sein, dass mich das unterbewusst beeinflusst.

In die letzte Runde könnten es auch dieses Mal gehen, wenn Sie sagen, dass Davit Makaradze ein Gegner ist, der stehen bleibt. Was ist also das Ziel für den Kampf? Einfach nach Punkten gewinnen?

Rost: Ein K.O. wird schwierig, aber ist natürlich immer möglich. Wir haben sehr viel an der Schlagkraft gearbeitet und an Muskelmasse aufgebaut. Mein Trainer Walter Broll und mein Athletiktrainer Thomas Klinkhammer haben das Training gemeinsam koordiniert. Das sieht man körperlich, und das wird man hoffentlich auch im Ring sehen.

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