Wie steht’s um die DEG?

„Roundtable“ zur Lage beim Eishockeyklub

Foto: Kenny Beele

Play-offs verpasst, Sparkurs angekündigt – wie geht es bei der DEG weiter? Jan Wochner (JW), Bernd Schwickerath (BS) und Tobias Kemberg (TK) diskutieren am „runden Tisch“ die Lage beim Düsseldorfer Eishockeyklub.

JW: Wenn ich von DEG-Geschäftsführer Harald Wirtz oder Manager Niki Mondt höre, dass der Kader aus finanziellen Gründen wieder einmal verjüngt wird und Leistungsträger gehen müssen, bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Die DEG war für mich immer ein Traditionsverein der DEL, der sich als schlafender Riese nach und nach zurück auf den Weg zur nationalen Spitze macht. Jetzt, fürchte ich, biegt der Verein notgedrungen eher in die falsche Richtung ab.

Bernd Schwickerath

BS: Ich glaube, das ist eine sehr rheinische Sicht auf die Dinge. Für mich ist die DEG kein schlafender, sondern ein Scheinriese. Natürlich hat sie einen großen Namen und Geschichte, natürlich kommt sie aus einer großen Stadt und spielt in einer großen Halle. Aber mit der nationalen Spitze hat sie seit Jahren nichts zu tun. Der letzte Meistertitel ist 25 Jahre her, die letzte Finalteilnahme zwölf, seit dem Ausstieg der Metro vor neun Jahren hat sie nur eine Play-off-Serie gewonnen und die Play-offs sogar fünfmal komplett verpasst. Die DEG kauft anderen auch nicht mehr die besten Spieler weg, sie muss sie selbst an bessere Klubs abgeben, wie in den vergangenen Jahren mit Jaedon Descheneau, Philip Gogulla oder zuletzt Mathias Niederberger. In einem Punkt gebe ich dir aber recht: mit dem mulmigen Gefühl. Dass in der Krise gespart werden muss, ist ebenso verantwortungsvoll wie richtig, aber wenn man sieht, wie die Konkurrenz munter Spieler verpflichtet, fragt man sich schon, wie das sein kann, während die DEG ihren Kader nicht mal halten kann.

TK: Grundsätzlich ist es ja so, dass der Verein auch vor der Pandemie nur im Mittelfeld der Etattabelle angesiedelt war. Das darf nicht vergessen werden. Für die DEG ging es schon in den vergangenen Jahren darum, aus vergleichsweise überschaubaren Möglichkeiten viel herauszuholen. Wer sagt, dass das 2021/22 nicht auch wieder möglich ist? Dass der Klub sparen muss und sich das Gesicht der Mannschaft einmal mehr deutlich verändern wird, das ist klar. Aber trotz der getätigten Aussagen von Geschäftsführer und Sportdirektor ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch so vieles offen. Harald Wirtz hat es gesagt: Es könnten ja auch noch größere Sponsoren kommen. Mir wird das alles jetzt schon als „ein wenig zu definitiv“ bewertet. Trotzdem stimme ich dir zu, Bernd. Die Aktivitäten einiger Klubs auf dem Transfermarkt werfen Fragen auf.

JW: Glaubt ihr wirklich, dass in dieser wirtschaftlich schwer abschätzbaren Zeit jetzt größere Sponsoren bei der DEG einsteigen?

Foto: Kenny Beele

TK: Nicht im Mai oder Juni. Aber es gibt viele Unternehmen, die in Sachen Sportsponsoring erst einmal abwarten. Verständlich und logisch in der aktuellen Zeit. Natürlich ist die Kaderplanung jetzt in vollem Gange. Wenn also Ende des Sommers – vorausgesetzt, Unternehmen werden angesichts einer sich positiv entwickelnden Pandemie-Lage in diesem Punkt wieder offensiver – ein größerer Sponsor käme, hilft das ja mittel- und langfristig hoffentlich weiter. Für die Gestaltung des Kaders der Saison 21/22 ist das aber zu spät. Eishockey hatte und hat einen schweren Stand. Das ändert sich sowieso nicht.

JW: Die Frage, die sich mir stellt, ist halt, ob ein großer Sponsor alleine reicht. Der Blick geht ja nicht umsonst nach München oder Mannheim. Dort stehen ja eine ganz andere Art von Geldgebern im Rücken der Vereine, so dass das Gefälle immer heftiger innerhalb der DEL wird. Mein Eindruck ist auch, dass die für Sponsoren-Akquise zuständige Abteilung unermüdliche Arbeit leistet. Aber wie will man mit solchen Dimensionen Schritt halten?

BS: Das kann gar nicht mehr der Anspruch sein. Mannheim und München sind vom Rest so weit enteilt, das ist nicht ohne zusätzlichen Geldgeber zu machen. Und die DEG betont ja, dass sie sich künftig aus dem Betrieb heraus finanzieren will – oder eher muss. Das ist auch in Ordnung, mir würde es ohnehin besser gefallen, mehrere mittelgroße Sponsoren zu finden. Hast du nur einen großen, bist du dessen Launen komplett ausgeliefert – sei es in der Vermarktung oder wenn der plötzlich keine Lust mehr hat. Aber selbst bei den Mittelgroßen hapert es ja seit Jahren. Obwohl es in Düsseldorf genug Unternehmen gibt. Aber die scheinen sich nicht für Eishockey zu interessieren, ja generell nicht für Sport. Auch andere Klubs der Stadt kennen das Problem. Wenn dort nicht gerade Fans auf den wichtigen Posten sitzen, kommt nicht viel.

JW: Und jetzt? Was hat die DEG für Optionen?

BS: Ich bin wahrlich kein Marketingexperte, aber eins ist recht klar: Im Sport gibt es zwei Möglichkeiten, Aufmerksamkeit bei Fans, Sponsoren und Medien zu bekommen: Erfolg oder eine Geschichte. Erfolg wird bei der DEG schwierig, zumindest wenn wir das in der DEL mit Meisterschaft oder Finale definieren. Also muss eine Geschichte her. Die Frage ist: Welche? Tradition haben viele und wirkt für mich immer etwas bemüht. Vor allem, wenn bei jedem Verweis auf vergangene Titel klar wird, dass es momentan nichts zu feiern gibt. Identifikation über Spieler aus der eigenen Jugend? Erzählen auch viele, die wenigsten machen es wirklich. Und die DEG kann es nicht richtig machen. Auch im Nachwuchs sind Mannheim und München mit der Akademie in Salzburg weit vorn. Selbst Köln hat bessere Voraussetzungen. Aber die DEG sollte zwingend den Weg weitergehen, talentierte Spieler mit Anfang Zwanzig nach Düsseldorf zu locken, die es bei den Topklubs (noch) nicht schaffen. Spieler wie Tobias Eder oder Alexander Ehl. Auch Bernhard Ebner war mal so einer – und ist längst eine Identifikationsfigur. Dazu kommen natürlich die Aktionen abseits des Sports. Über sich und die anderen lachen – da ist die DEG wirklich die Ausnahme in diesem oft klinisch reinen und schrecklich ernsten Sportbusiness. Wenn du es schaffst, das alles zu einer guten Geschichte zu verpacken, wirst du zwar nicht Meister, aber du kannst in guten Jahren weit kommen. Die Fans sind den Weg der vergangenen Jahre ja schon mitgegangen, 2019/20 kamen mehr Zuschauer als in den letzten Brehmstraßen-Jahren, obwohl das Team damals ein Titelkandidat war. Jetzt muss man es irgendwie schaffen, auch die Sponsoren davon zu überzeugen.

Tobi Kemberg

TK: Gehen die Fans auch den Weg der neuen Saison mit? Spielt ihr Verein wirklich gegen den Abstieg, dann sehe ich die Zuschauerzahlen – wenn denn wieder Fans zugelassen werden sollten – sinken. In Düsseldorf geht der harte Kern zwar auch diesen Weg mit. Aber abseits von Aktionsspieltagen wie Schools Day oder Club Day wird das dann eher mau aussehen. Die Erwartungshaltung bei den Eventies war, ist und bleibt beinahe lächerlich hoch. Der von der DEG eingeschlagene Weg ist keiner des Risikos. Das gefällt mir auch. Sich durch innovative und manchmal herrlich-bekloppte Aktionen von der Masse abzuheben, das ist auch gut und richtig. Aber das kann es auf Dauer auch nicht sein. Um die Play-offs musst du immer mitspielen und demnächst auch mal wieder eine Serie gewinnen. Aber das wird angesichts der finanziellen Möglichkeiten noch schwerer. So scheint es jedenfalls. Die DEG muss einfach so gut wie möglich durch die nächsten Jahre kommen, mit dem bestmöglichen sportlichen Erfolg. Dazu müssen Sportdirektor Niki Mondt wieder Glücksgriffe bei den Transfers gelingen und die angesprochenen Spieler wie Ehl, Eder oder andere sich extrem gut weiterentwickeln. Es ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen.

JW: Ich finde den SC Freiburg aus der Fußball-Bundesliga eine sympathische Blaupause für die DEG.

BS: Keine Frage, Freiburg macht seit Jahrzehnten einen guten Job, aber für die DEG funktioniert das nicht. Das wäre wiederum zu klein, zu weit weg von der Spitze, auch strukturell. Freiburg hat auch zu wenige Erfolge in der Geschichte, und rein als Zulieferer für die Großen kann sich eine DEG nicht definieren – erst recht nicht in einem Sport, in dem seit Jahren keine Ablösesummen gezahlt werden. Ja, derzeit ist die DEG ein gutes Stück von der Spitze weg. Aber der aktuelle Sparkurs kann nur eine Übergangsphase sein, der funktioniert nur mit der Aussicht, dass es irgendwann besser wird. Langfristig muss eine DEG um den Titel mitspielen, und sei es erst in zehn Jahren.

TK: Meisterschaft in zehn Jahren? Und kommende Saison nicht mal Play-offs? Der Abstieg wird wieder eingeführt – über den Zeitpunkt kann man trotz jahrelanger Diskussionen zu diesem Thema aktuell natürlich auch wieder streiten. Aber gut, ist jetzt so. Jeder kleinere Verein oder Klub aus dem DEL-Mittelfeld muss das zumindest mal im Blick haben, damit du keine Überraschung erlebst. Mit einer jungen, günstigen Mannschaft wird es für die DEG eher darum gehen, nicht ganz unten rein zu rutschen. Oder haltet ihr die Play-offs trotzdem für möglich? Klar, keiner weiß jetzt, wie der Kader am Ende des Sommers aussieht. . .

Jan Wochner

JW: Eine Prognose jetzt halte ich für unmöglich. Das ist wie über ungelegte Eier zu sprechen. Denn wie der Kader sich tatsächlich gestalten wird, ist ja völlig offen. Was mir nur weh tut, sind Abgänge wie der von Maxi Kammerer. So ein Spieler mit Düsseldorfer Bezug und in guter Form auch überdurchschnittlichem Leistungsvermögen ist eigentlich maßgeschneidert für die DEG. Ja, auch er hat vergangene Saison zu inkonstant gespielt, aber als Typ wird er mir kommende Saison im Kader fehlen. Auch wenn ich mir gut vorstellen kann, dass das wirtschaftliche Paket da schwer zu stemmen war.

BS: Ja, mir hat sein Körperspiel zwar nicht gefallen, aber offensiv war Kammerer über Jahre eine der Stützen: 112 Scorerpunkte in 210 Spielen sprechen für sich. Außerdem ist das nun wieder ein gebürtiger Düsseldorfer weniger. Er ist zwar in Bayern aufgewachsen, aber er war für die DEG schon etwas Besonderes. Im Jahr davor sind beide Niederbergers gegangen, die Düsseldorfer im Kader werden weniger. Aber es sieht zumindest danach aus, dass Hendrik Hane einen neuen Vertrag bekommt. Apropos: Was halten ihr von der Idee, mit den beiden jungen Goalies weiterzumachen?

TK: Hendrik Hane und Mirko Pantkowski haben ihre Sache prinzipiell gut gemacht. Aber sie haben der DEG auch keine Spiele im Alleingang gewonnen. Genau das hat Mathias Niederberger häufiger getan. Dies von beiden zu erwarten, wäre von vornherein unfair gewesen. Aber auf zwei junge deutsche Goalies zu setzen, ist ein guter Weg. Mit mehr Erfahrung werden beide auch besser. Da besteht für mich kein Zweifel. Sollte es so kommen, wie es sich bereits abzeichnet, dann ist das absolut richtig.

BS: Sehe ich ähnlich. Dass sie nun beide für die Nationalmannschaft nominiert wurden, liegt natürlich daran, dass andere Kandidaten noch bei ihren Klubs sind, aber Geschenke verteilt der Bundestrainer nun auch nicht. Tobi hat ganz recht: Spiele im Alleingang haben sie nicht gewonnen, und das brauchst du als Mittelklasseklub, der die Play-offs erreichen will. Auch ihre Werte von unter 90 Prozent Fangquote und knapp drei Gegentoren im Schnitt sind nicht gut, aber sie wurden auch oft allein gelassen. Und wenn wir tiefer gehende Daten berücksichtigen, sehen wir, dass sie nur eine Handvoll mehr Tore kassiert haben, als es der Durchschnittstorwart bei den gleichen Schüssen getan hätte – bei 38 Spielen. Das kann im einen oder anderen Spiel das entscheidende Tor gewesen sein, aber Niki Mondt hat ebenfalls recht, wenn er sagt, dass die DEG die Play-offs nicht wegen ihrer jungen Torhüter verpasst hat. Das war ein Baustein, mindestens genauso entscheidend war die Torflaute von zahlreichen Stürmern während der Niederlagenserie ab Ende Januar.

JW: Ich finde an der Stelle kann man auch auf den Faktor Zeit setzen. Vielleicht sind wir nächste Saison oder übernächste Saison soweit, dass die beiden dann auch Spiele für die DEG gewinnen. Aber beide Torhüter haben zumindest das Potenzial bei der DEG zu Marken zu werden. Mir fehlt so ein richtiger Filigran-Techniker, der 30 Tore schießt, ausgebildet an der Brehmstraße. Man wird ja wohl träumen dürfen, oder?

BS: Träumen darf man immer, aber in naher Zukunft wird da keiner kommen, der auch nur 15 Tore schießt. Sowohl bei der U20-WM über den Jahreswechsel als auch gerade bei U18-WM ist kein DEG-Spieler bei.

Foto: Kenny Beele

TK: Es braucht in der Zukunft auch wieder gute Griffe bei den Transfers. Spieler wie Jaedon Descheneau findest du aber nicht jedes Jahr. Und nicht immer zu einem zumindest anfänglich noch bezahlbaren Preis. Aber wenn Niki Mondt Spieler dieses Formats entdeckt und nach Düsseldorf holen kann, dann kommt vielleicht auch mal wieder so ein Typ, wie Jan ihn sich wünscht.

BS: Jetzt kommt dieses Jahr natürlich das Problem hinzu, dass du gar nicht richtig scouten konntest. Viele Ligen haben verkürzt gespielt, es gab Reisebeschränkungen, außerdem muss man diese Saison so viele Dinge abseits des Eises berücksichtigen, dass viele Spieler gar nicht das zeigen konnten, was sie eigentlich können. Andererseits hast du den Vorteil, dass es fast nirgendwo normal läuft und du keine Gehälter zahlen musst, wie vor der Krise. Ingolstadt hat die Lage ja perfekt ausgenutzt. Das hat zwar für berechtigte Kritik gesorgt, das Steuergeld nicht für den Nachwuchs zu nutzen, sondern für Importspieler, die nur ein paar Monate bleiben, aber der Erfolg gibt ihnen dann doch recht: Lange gewartet, gute Leute für kleines Geld geholt und jetzt sind sie noch einen Sieg vom Finale entfernt. Kann der DEG so etwas auch gelingen? Bestimmt nicht in der Häufung, aber ein, zwei Spieler, die sonst nicht zu bekommen wären, könnte es nächste Saison auch in Düsseldorf zu sehen geben.

TK: Aus wenig viel machen – das muss das Motto sein. Das war es zuletzt ja auch schon. Wichtig ist, dass die Mischung stimmt. Erfahrene Profis wie Alexander Barta und Marco Nowak, gepaart mit entwicklungsfähigen Spielern wie Alexander Ehl und Tobi Eder. Aber du brauchst schnell potente Sponsoren. Und das bringt uns wieder an den Anfang zurück. Bei aller nachvollziehbaren Zurückhaltung der Unternehmen in Corona-Zeiten: Auf diesem Sektor muss die DEG sich verbessern.

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