Der Mann, dessen Schuss nie danebenging

DEG-Legende Chris Valentine wird 60

Foto: imago/Passage

von Tobias Kemberg

Mehr als 1000 Scorerpunkte in zwölf Saisons, dazu fünf Meisterschaften und ein Engagement als Cheftrainer – die lebende Düsseldorfer Eishockeylegende feiert runden Geburtstag.

Als Christopher William Valentine im Jahr 1984 ein Vertragsangebot aus Deutschland erhält und annimmt, rechnet der damals 22-Jährige fest mit einem kurzfristigen Engagement. Nach drei Spielzeiten für die Washington Capitals in der NHL sowie zeitweise in deren Farmteam Hershey Bears soll der Abstecher nach Europa genau das und eben nicht mehr sein. Doch der Eishockeystürmer wird bleiben. Insgesamt zwölf Jahre schnürt der Kanadier für die Düsseldorfer EG die Schlittschuhe und weilt auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere im Jahr 1996 noch für lange Zeit in Deutschland.

Bei der DEG wird Valentine schnell zum Superstar, zählt über Jahre zu den besten Spielern der damaligen Bundesliga und gewinnt mit dem Klub zwischen 1990 und 1993 vier Deutsche Meisterschaften in Folge. Mit dem fünften Titel 1996 beendet er seine Laufbahn. Schlussstrich mit Höhepunkt. Jetzt, am gestrigen Nikolaustag, hat Chris Valentine seinen 60. Geburtstag gefeiert.

„Ach, ein großes Interview möchte ich nicht machen“, sagt der Jubilar auf Anfrage. „Zum 60. ziehe ich einen ruhigen Geburtstag vor.“ Die Verbindung zur DEG und zu Düsseldorf hält Valentine immer noch aufrecht. Einmal im Jahr kommt er mit seiner Frau nach Deutschland, besucht die Weihnachtsmärkte in der Stadt, kauft Geschenke für die Familie ein und trifft alte Weggefährten wie den langjährigen Mitspieler Uli Hiemer. „So war es jetzt wieder geplant, aber durch die Pandemie haben sich unsere Pläne leider geändert. Aber den Besuch holen wir später nach“, hofft Valentine.

381 Tore und 636 Vorlagen in 597 Spielen

597 Mal trägt der Mann aus Belleville in der Provinz Ontario das Trikot der Düsseldorfer EG, erzielt dabei 381 Tore und legt weitere 636 auf. Valentine gilt nicht als der lauffreudigste Eishockeyprofi. Nicht selten wartet er in der neutralen Zone oder an der gegnerischen blauen Linie auf die Scheibe, während die Teamkollegen vor dem eigenen Kasten verteidigen. Im heutigen Profieishockey undenkbar. Doch seine Stocktechnik, seine Übersicht, seine ausgeprägten Eishockey-Instinkte und nicht zuletzt das blinde Verständnis auf dem Eis mit seinem genialen Sturmpartner Peter-John Lee machen das wett.

Maßgeblich prägt er den Aufschwung des Vereins in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre mit. 1990 krönt sich die Millionentruppe von der Brehmstraße durch ein berauschendes 8:2 im entscheidenden fünften Finalspiel gegen den Sportbund Rosenheim erstmals nach 15 Jahren wieder zum Deutschen Meister. Auch 1991, 1992 und 1993, als viele Düsseldorfer Stars ihren Zenit bereits erreicht oder gar überschritten haben, ist Valentine eine zentrale Figur des Erfolgs.

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Noch immer zählt er zu dieser Zeit zu den besten Scorern der Bundesliga. 1991/92 schießt er 42 Tore in 53 Pflichtspielen, besser war er nur 1985/86 mit 45 Treffern in 54 Partien. In seiner letzten Saison ist er viel verletzt, absolviert in der Hauptrunde nur 26 Begegnungen. Doch in den Play-offs zeigt er noch einmal seine ganze Klasse, sammelt in zwölf Spielen 15 Scorerpunkte, führt seine Mannschaft abermals zur Meisterschaft und sagt nach dem 4:2 im vierten Finale über die Kölner Haie: „Nach so einem Spiel kann das kein trauriger Abschied sein.“

„Comeback“ mit 57 beim Kreutzer-Abschiedsspiel

In den Herzen der Düsseldorfer Eishockeyfans hat Chris Valentine natürlich schon zu seiner aktiven Zeit einen festen Platz. Aber auch heute noch schallt der folgende und zu seinen Ehren entstandene Fangesang durchs Stadion, wenn die ewige Nummer Zehn mal wieder zu Besuch kommt: „Im Leben, im Leben, ging mancher Schuss daneben. Nur einer nicht, nur einer nicht, der Schuss von Valentine.“

Besonders lautstark intoniert werden diese Zeilen noch einmal am 17. Februar 2018. An der Brehmstraße feiern 9000 Zuschauer eine große Eishockeyparty zu Ehren von Daniel Kreutzer. Valentine geht in seinem ehemaligen „Wohnzimmer“ dafür noch einmal aufs Eis. „Wir sind alt geworden“, sagt er hinterher mit einem Lachen. Spaß gemacht hat es trotzdem, auch wenn die Knie hinterher noch mehr schmerzen als zuvor.

Besonderes Jahr als Cheftrainer

Spaß macht auch die Truppe, die Valentine in der Saison 1997/98 als Cheftrainer der DEG betreut. Die sportlich fetten Jahre sind vorbei, die Vormachtstellung der Rot-Gelben ist längst gebrochen. Im Viertelfinale scheitern die Düsseldorfer am späteren Meister Adler Mannheim. Trotzdem denken die DEG-Anhänger bis heute gerne an jene Spielzeit zurück, in der unbekannte Namen wie Dave Marcinyshyn, John Lilley oder Todd Harkins für Furore sorgen.

Als die DEG aufgrund eines horrenden Schuldenbergs die DEL-Lizenz zurückgibt und 1998 in die zweite Liga absteigt, entscheidet sich Chris Valentine für einen Wechsel zum EV Landshut. Doch obwohl es auch dort sportlich akzeptabel läuft, ist die Amtszeit abermals nur von kurzer Dauer. Landshut bekommt ebenfalls finanzielle Schwierigkeiten und Valentine wechselt nach Mannheim. Die letzten beiden Trainerstationen in Deutschland sind die Berlin Capitals und schließlich Krefeld im Jahr 2002.

Daheim in Kanada arbeitet Valentine heute im Finanzwesen, pflegt Kontakte zum NHL-Klub Ottawa Senators und beobachtet seine DEG aus der Ferne. Einen Trainerjob möchte er nicht mehr annehmen, aber die Verbindungen zum Eishockey werden bleiben. Genau wie seine unfassbaren Statistiken, die vielen Titel und jenes Lied der Fans. Von dem einen, dessen Schuss nie danebenging.

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