Bretter, die die Welt bedeuten

Filmprojekt über drei Kinder im Skatepark Eller

Fotos: Kenny Beele

Der Skatepark in Eller ist in kurzer Zeit Heimat für hunderte Sportlerinnen und Sportler aller Altersklassen geworden. In der Corona-Zeit ist der Park nun geschlossen, Ausnahmen gelten nur für Leistungssportler oder besondere Projekte – so eines, wie es gerade die Künstlerin Ninakarlin Prinz realisiert. Sie dreht einen Film über drei Düsseldorfer Kinder, ihre Liebe zum Skaten und über Freundschaft in Zeiten der Pandemie.

Für Luuk, Noemi und Johannes gab es in den vergangenen Jahren eigentlich nur eins: Ist die Schule vorbei, und es steht sonst nichts Wichtiges an, geht es in den Skatepark in Eller. „Ich war jeden Tag drei, vier Stunden da“, sagt der zehn Jahre alte Luuk, der auf dem Skateboard steht, „seit ich sechs bin“. Und für den es dabei um mehr geht als den reinen Sport: Freunde treffen, auf andere Gedanken kommen. „Man vergisst die Schule, man ist frei und hilft den anderen, wenn die Probleme haben.“

Foto: Ninakarlin Prinz

Luuk, Noemi und Johannes sind nicht die einzigen Düsseldorfer, für die die Eröffnung von Deutschlands größtem Skatepark vor knapp drei Jahren ein besonderer Tag war. „Der Park war ständig voll, an guten Wochenenden waren mehrere Hundert Leute auf der Anlage: Von den Dreijährigen, die gerade lernen, auf dem Brett zu stehen, bis zu den 60-Jährigen, die in der Bowl ihre Kurven fahren“, sagt Can Slaby vom Stadtsportbund, der pädagogische Mitarbeiter im Skatepark. Besonders die Deutschen Meisterschaften sind Slaby in Erinnerung geblieben, als „über zwei Tage mehrere tausend Leute da waren“.

Das war genau das, was sich die Stadt versprochen hatte, als sie rund zwei Millionen Euro in die 3.800 Quadratmeter große Anlage an der Heidelberger Straße investierte: Einen zentralen Ort für eine Sportart zu schaffen, die außerhalb von Vereinsstrukturen funktioniert. Und deren Aktive und Fans es nicht immer einfach haben, sich irgendwo zu treffen, wo sie nicht von Anwohnern, Ladenbesitzern oder Ordnungsamt verscheucht werden. Nun gab es diesen Ort endlich – mit verschiedenen Bereichen für Anfänger und solche, die seit Jahren auf Brettern, Inlineskates oder BMX-Rädern unterwegs sind, die fahren und springen wollen.

Doch als die Corona-Pandemie kam, war es auch im Skatepark vorbei. Zwar wurde er im Mai 2020, als die Infektionszahlen niedriger waren, noch mal geöffnet, aber es durften nur maximal 30 Leute parallel auf der Anlage sein. Irgendwann war es auch damit vorbei, nur Olympia-Kandidat Lenni Janssen aus dem TEAM 21 DÜSSELDORF, Schulklassen und besondere Projekte dürfen aktuell in den Park.

Über die Tochter die alte Leidenschaft wiederentdeckt

Die Ausnahmen sind wiederum das Glück für Luuk, Noemi und Johannes. Die sind nämlich Teil des Film-Projekts von Ninakarlin Prinz. Eigentlich ist Prinz Bildhauerin, aber in den 1980er-Jahren fuhr sie selbst BMX, „da gab es aber noch keine Parks, nur selbstgebastelte Rampen“. Erst als ihre Tochter Noemi vor einigen Jahren ihr erstes Skateboard bekam und in den Park wollte, „hat es mich dann auch wieder gepackt“. Seitdem fährt sie selbst wieder. Doch dann vor ein paar Monaten: Sturz, offener Bruch. „Da war klar, dass ich bildhauerisch für ein paar Monate ausfalle, also habe ich überlegt: Was bleibt mir übrig?“

Glücklicherweise wurde sie auf ein Stipendium für freischaffende Künstlerinnen und Künstler des Ministerium für Kultur und Wissenschaft aufmerksam. Und bewarb sich mit einem Videoprojekt. Das setzt sie nun um. Seit Monaten begleitet sie ihre Tochter und deren Freunde Luuk und Johannes mit der Kamera bei ihren Stunden im Skatepark. Da geht es natürlich um den Sport, aber auch um Freundschaft, um die persönliche Entwicklung dreier Kinder zwischen acht und zwölf Jahren in Pandemie-Zeiten.

Der Clou: Es gibt kein Drehbuch oder ein vorgefertigtes Narrativ, das die Kinder bedienen sollen. „Ich habe als Bildhauerin schon immer experimentiert und einen ganz freien Zugang zu Materialien. Ich habe nie Skizzen gemacht, sondern immer geschaut, wo mich die Reise hinführt, währenddessen ergeben sich der rote Faden und der Schwerpunkt. So gehe ich jetzt auch vor“, sagt Ninakarlin Prinz, „es ist nicht gescriptet, die Kinder sollen die größtmögliche Freiheit haben. Sie filmen sich auch gegenseitig. Die Authentizität ist mir wichtig.“

Ich merke gar nicht, dass ich in einem Film bin“

Den Kindern gefällt es. Erst mal, dass sie wegen des Projekts überhaupt skaten und Freunde treffen können, aber auch wegen der Art der Dreharbeiten. Sie müssen weder bestimmte Tricks an bestimmten Orten vorführen noch irgendwie posieren. „Ich merke gar nicht richtig, dass wir in einem Film sind. Ich skate halt“, sagt Luuk. Genauso hört es sich bei der achtjährigen Noemi an: „Es ist toll, wenn man in einem Film mitspielt, aber man merkt es auch kaum. Wenn man skatet, dann skatet man.“

Für ihre Mutter ist es genau das, was das Projekt ausmacht. Natürlich stehe über allem die Idee, „dass die Kinder durch den Sport verbunden sind. Meine Tochter ist acht, ihr bester Freund zwölf, ohne Sport hätten die sich nicht gefunden“. Aber es gehe eben nicht darum, die Kinder genau das in die Kamera sagen zu lassen. Sie sollen einfach Kinder sein. „Gerade in dem Alter – kurz vor der Pubertät – passiert viel Interessantes, da sind die Kinder unverstellt, produzieren sich noch nicht, haben noch diese Naivität und manchmal auch Absurdität“, sagt Ninakarlin Prinz.

Das passe doch sehr gut zu „einem Sport, der sehr frei ist. Die Kleinen sind nicht in einem Wettbewerb. Sie sind zwar ambitioniert und ehrgeizig, wenn sie einen neuen Sprung lernen, aber es ist ein Miteinander.“ Und damit eben nicht wie in anderen Sportarten, wo man meist einem festen Verein oder einem festen Team angehört. Wo unter der Woche trainiert wird und am Wochenende Turniere oder Spieltage anstehen. Wo es ums Gewinnen und Verlieren geht, um Meisterschaften, Pokale und Medaillen.

Die Tricks der anderen sind genauso schön

Natürlich gibt es auch im Skaten Wettbewerbe, aber sie stehen nicht im Vordergrund, dominieren nicht den Kalender. Und das überträgt sich auf die Kinder. „Die anderen freuen sich, wenn ich einen Trick geschafft habe. Und man kann sich auch freuen, wenn die anderen einen Trick geschafft haben“, sagt Noemi, der das erst kürzlich passiert ist. Luuk hatte gerade sein Handy herausgeholt und angefangen zu filmen, da stand Noemi einen Kickflip. „Dann haben wir uns alle zusammen richtig gefreut“, erzählt Luuk.

So ein Kickflip ist schließlich etwas Besonderes, neben dem gewöhnlichen Ollie der wahrscheinlich berühmteste Skateboard-Trick der Welt. Das Board dreht sich dabei in der Luft um 360 Grad, bevor die Skaterin oder der Skater es wieder unter den Füßen hat und landet. Manche brauchen hunderte Stunden Übung, bis sie einen Kickflip schaffen.

Bis in Eller wieder regelmäßig geübt, gesprungen und gelandet werden kann, wird es wohl noch dauern. „Wir finden es ultraschade, dass wir gerade nicht für die Öffentlichkeit öffnen dürfen. Wir freuen uns jetzt schon alle auf den Tag“, sagt Can Slaby vom Stadtsportbund. „Umso mehr freuen wir uns über jedes Projekt, damit hier im Park wenigstens etwas passiert.“

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