Mit Harz und Herz

Sportstadt-Throwback, Teil IV

Foto: Horstmüller

von Tobias Kemberg

Emotionale Triumphe, spannende Events und herausragende Persönlichkeiten – die Sportstadt blickt in einer Serie auf besondere Ereignisse und Menschen der Düsseldorfer Sportgeschichte zurück. Teil vier befasst sich mit dem großen Handball-Erfolg der TuRU vor mehr als 30 Jahren.

Die drei Tore Rückstand im Moment der Schlusssirene sind egal – der Vorsprung aus dem Hinspiel ist groß genug und die TuRU ist Europapokalsieger. Es ist 1989 und ein kleines Handball-Wunder, das da in Frankfurt an der Oder Wirklichkeit wird. Fünf Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga landet die Mannschaft um Trainer Horst „Hotti“ Bredemeier im wahrsten Sinne des Wortes den ganz großen Wurf. „Das ist der glücklichste Tag meines Lebens“, jubiliert Kreisläufer Michael Hein.

Mit 38:14-Punkten qualifiziert sich die TuRU als Tabellenzweiter der Bundesligasaison 1987/88 für den IHF-Pokal, sozusagen der UEFA-Cup des Handballs, und beginnt ihre wundersame Reise mit zwei ungefährdeten Siegen (25:19, 24:17) gegen Hapoel Ramat Gan aus Israel. Deutlich enger geht es schon in der zweiten Runde gegen Benfica Lissabon zu, aber auch die Partien gegen die Portugiesen gehen beide an die Düsseldorfer (19:15, 12:11).

Der „König der Kö“ finanziert die erfolgreiche TuRU-Zeit

Die konstant guten Ergebnisse in der Bundesliga sowie der Erfolg im IHF-Pokal sind kein Zufallsprodukt. Zum einen ist es natürlich die gute Arbeit von Bredemeier, der dafür bekannt ist, Spieler besser zu machen und Mannschaften zu formen, die perfekt aufeinander abgestimmt sind. Zum anderen ist es das Geld von Wolfgang Struck. Der „König der Kö“ genannte millionenschwere Devisenhändler – einst selbst Torwart beim THW Kiel – steigt in den Achtziger Jahren als Mäzen ein und buttert eigenen Angaben zufolge jährlich bis zu 200.000 Deutsche Mark in den Verein.

Über Politechnica Timisoara aus Rumänien (22:12, 18:20) zieht die TuRU ins Halbfinale ein und macht im zweiten Duell mit dem spanischen Klub CD Cajamadrid sogar einen Vier-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel wett. Mit einem 24:17 ziehen Richard Ratka und Co. ins Finale ein.

Das Hinspiel findet in der Philipshalle statt, die heute Mitsubishi Electric HALLE heißt. Vor ausverkauftem Haus besiegt die TuRU mit 17:12 den ASK Vorwärts Frankfurt/Oder. Für das entscheidende Aufeinandertreffen geht es zunächst mit dem Flugzeug nach Berlin-Tegel, per Bus durch den Checkpoint Charlie und schließlich weiter gen Osten. In der Halle herrscht ohrenbetäubender Lärm. 700 ASK-Fans und 50 Anhänger aus Düsseldorf verleihen dem Finalrückspiel einen würdigen Rahmen.

Foto: Horstmüller

Torhüter Michal Barda wird mit seinen Paraden zum Helden

In der 39. Spielminute erleidet das Bredemeier-Team einen schmerzlichen Rückschlag. Richard Ratka sieht die Rote Karte. Davon lassen sich die Düsseldorfer Handballer mit Harz an den Fingern und dem Herz am rechten Fleck aber ebenso wenig beeindrucken, wie von den Entscheidungen der Schiedsrichter, die den Frankfurtern zehn Siebenmeter zusprechen. Eine entscheidende Figur dieses 21. Mai ist TuRU-Torhüter Michal Barda, der zwölf gegnerische Würfe aus dem Feld sowie drei dieser Siebenmeter abwehrt.

Sein Stellvertreter Harald Fischer wehrt auch noch zwei Strafversuche des DDR-Klubs ab, den letzten davon beim Stand von 11:14. Im Gegenzug erzielt Olaf Neumann das 12:14 und in der verbleibenden Spielzeit kann sich Frankfurt nicht mehr entscheidend absetzen. Das 15:18, bei dem Frank Harting mit fünf Treffern bester Werfer ist, reicht aus Düsseldorfer Sicht. Im Moment des Triumphs stürzen sich Spieler, Trainer Bredemeier, Assistent Walter Traxel, Werbemanager Willi Körs und der Vorsitzende Leo Icks auf Torhüter Barda. „Das ist der helle Wahnsinn“, freut sich Icks.

Geldgeber Struck, der sich zuvor an der Börse verspekuliert, hat sich zu diesem Zeitpunkt längst abgesetzt. Durch ein Kompensationsgeschäft versucht der Mäzen wieder zu Geld zu kommen, indem er israelische Kampfflugzeuge gegen Bananen nach Honduras liefern will. Das Vorhaben scheitert und über New York geht es für Struck auf die Philippinen. Die TuRU indes erlebt ihren Höhepunkt ohne den Geldgeber und kurz darauf ist die schönste Handball-Zeit in Düsseldorf auch schon wieder vorbei.

Helden von 1989 treffen sich alle fünf Jahre in Düsseldorf

Das Wunder von 1989 ist bis heute der letzte Triumph dieser Kategorie. 1990 geht es zurück in die Zweitklassigkeit, 1992 ereilt die Mannschaft dasselbe Schicksal. Fortan pendelt der Verein, der nach der Loslösung von der TuRU als HSV Düsseldorf antritt, zwischen den Ligen. Infolge der Fusion mit dem ART entsteht wieder neue Aufbruchstimmung, aber langfristigen Erfolg hat keiner der Macher.

Heute ist der Pixum Super Cup das alljährliche Handball-Highlight in der Sportstadt, zudem trägt der Bergische HC mehrere Heimspiele pro Saison im PSD BANK DOME aus. Die Helden von 1989 aber treffen sich noch immer regelmäßig – zuletzt 2019, zum 30-jährigen Jubiläum. Seit ihrem Coup kommen die Europapokalsieger alle fünf Jahre in Düsseldorf zusammen. Organisiert von Andreas Hertelt, heute Unternehmensberater, treffen sie sich am Uerige in der Altstadt und lassen bei ein paar Bier die Erinnerungen an die schillerndste Handball-Epoche in Düsseldorf aufleben.

Hier geht es zu Teil eins der „Throwback-Serie“.
Hier geht es zu Teil zwei der „Throwback-Serie“.

Hier geht es zu Teil drei der „Throwback-Serie“.

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